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Friedrich Gerstäcker

Weltreisender, Schriftsteller

* 10.5.1816 Hamburg
† 31.5.1872 Braunschweig


Friedrich Wilhelm Christian Gerstäcker wird am
10.5.1816 in Hamburg geboren. Der Vater ist Opernsänger, die Mutter Schauspielerin.
1825 stirbt der Vater und Gerstäcker wird fortan von Verwandten erzogen. Er lebt in Braunschweig, Kassel und Leipzig.
Nach der mittleren Reife beginnt er eine kaufmännische Lehre, welche er aber wieder abbricht. Auf dem Rittergut Doeben bei Grimma fängt er dann mit einer landwirtschaftliche Ausbildung an. Der Wunsch auszuwandern wird immer stärker, er träumt von einem Leben in Brasilien, bis er sich mit großen Hoffnungen und Erwartungen
1837 auf den Weg nach Amerika macht.
Er arbeitet in verschiedenen Berufen und weil ihm das Leben in den Städten nicht zusagt, führt er ein einsames abenteuerliches Leben als Jäger.
Er macht Tagebuchaufzeichnungen und schickt sie seiner Mutter. Diese gibt sie an Bekannte weiter und schließlich werden sie ohne Wissen Gerstäckers in der von Robert Heller herausgegebenen Zeitschrift "Rosen" veröffentlicht.
Die Konfrontation mit der Realität und die Wirklichkeit der mit romantischen Erwartungen gesuchten Einsamkeit führen zu starkem Heimweh.
1843 kehrt er nach Deutschland zurück.
1844 erscheint sein erstes Buch STREIF- UND JAGDZÜGE DURCH DIE VEREINIGTEN STAATEN VON NORDAMERIKA.
1845 heiratet er Anna Aurora Sauer, die Tochter eines Dresdener Kunstmalers.
1846 veröffentlicht er DIE REGULATOREN VON ARKANSAS und
1848 DIE FLUSSPIRATEN DES MISSISSIPPI, seine beiden bekanntesten Romane.
Obwohl er nun eine Familie gegründet hat, bricht er
1849 zu einer neuen großen Reise nach Südamerika, Kalifornien, Tahiti und Australien auf, von welcher er
1852 zurückkehrt.
1854 tritt er der literarisch-politischen Vereinigung um den Herzog Ernst II. von Coburg-Gotha bei.
1860 begibt er sich trotz einer schweren Erkrankung seiner Frau auf eine neue Reise nach Südamerika, welche nach seiner Rückkehr
1861 in dem Buch 18 MONATE IN SÜDAMERIKA literarisch verarbeitet wird. Auf der Rückreise erfährt er zufällig vom Tod seiner Frau.
1862 geht er mit einer Reisegesellschaft des Herzogs Ernst II. auf eine Reise nach Ägypten.
1863 heiratet er die 19-jährige Holländerin Marie Luise Fischer van Gaasbeek. Dies hält ihn nicht davon ab
1867 seine letzte große Reise nach Nordamerika, Mexiko, den Westindischen Inseln und nach Venezuela zu beginnen, von welcher er
1868 zurückkehrt.
Er zieht nach Braunschweig und nimmt
1870 an dem deutsch-französischen Krieg als Kriegsberichterstatter teil.
Am
31.5.1872 stirbt er in Braunschweig.

... Friedrich Gerstäcker (1816-1872) war zu Lebzeiten und noch viele Jahrzehnte darüber hinaus einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller. Seine Werke wurden in den unterschiedlichsten Periodika der damaligen Zeit veröffentlicht, darunter den bekanntesten und am meisten verbreiteten wie "Gartenlaube", "Hausblätter", "Steffens Volkskalender", "Hamburger Nachrichten" oder "Kölnische Zeitung". Sein Name war dem zeitgenössischen Publikum während vieler Jahrzehnte allgegenwärtig; Kalender, Zeitschriften und Tageszeitungen berichteten ihren Lesern nicht nur regelmäßig von den Reisen des Autors, sondern sie druckten auch seine Erzählungen, Skizzen, Reiseberichte und Romane. Die literarische Fruchtbarkeit und hohe Medienpräsenz Friedrich Gerstäckers waren ganz erstaunlich. Zwischen 1844, jenem Jahr, mit dem das eigenhändige Werkverzeichnis des Autors beginnt, und seinem Todesjahr 1872 erschienen mindestens 44 selbständige Buchausgaben Gerstäckers mit insgesamt 142 Bänden, im Durchschnitt also während eines Zeitraums von fast dreißig Jahren jeweils fünf neue Bände pro Jahr! Dazu kamen zwanzig Übersetzungen meist amerikanischer Romane, die Gerstäcker ins Deutsche übertrug. Hinzu kamen außerdem Erzählungen, Skizzen und Novellen als Zeitungs- und Zeitschriften-Vorabdrucke zuhauf, die für die Existenzsicherung eines Autors weitaus wichtiger waren als die Buchausgaben, die meist mit der kompletten Auflage in den Leihbibliotheken landeten und nur selten ihren Weg in Privathaushalte fanden; auch die Romane Gerstäckers wurden meist in den großen überregional erscheinenden Periodika abgedruckt. Das erwähnte eigenhändige Werkverzeichnis des Autors erfasst für den genannten Zeitraum etwa 420 Erzählungen, Novellen und Skizzen, d. h. in diesen achtundzwanzig Jahren erschienen zusätzlich pro Jahr etwa fünfzehn Erzählungen Gerstäckers in der Presse des deutschen Sprachraums. Dazu kamen noch die von dem Werkverzeichnis überwiegend nicht erfassten "Reisebriefe" des Autors, die er während seiner langen Reisen ständig an deutsche Zeitungen sandte und die von diesen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen, manchmal komplett, manchmal zusammenfassend, veröffentlicht wurden. [...] Der Autor war mithin über mehrere Jahrzehnte nicht nur auf dem Buch-, sondern auch auf dem Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt nahezu ununterbrochen präsent. Es dürfte kaum zu hoch gegriffen sein, wenn man schätzt, dass während eines Zeitraums von dreißig Jahren im Durchschnitt keine einzige Woche vergangen ist, in der nicht irgendwo im deutschsprachigen Raum irgendeine Fortsetzung irgendeiner Erzählung/Novelle/Skizze oder irgendeines Romans/Reisebriefes von Gerstäcker in einer Zeitung oder Zeitschrift zu lesen gewesen ist.
Und anders als bei vielen Erfolgsautoren, deren öffentliche Wirkung nach ihrem Tod meist rapide abnimmt, wurde Gerstäcker - und zwar mit einem Großteil seines Gesamtwerkes - auch in späteren Jahrzehnten weiterhin viel gelesen. Zwischen 1872 und 1879 erschienen in zwei Serien zusammen 43 bzw. 44 Bände seiner "Gesammelten Schriften", die über viele Jahre in zahlreichen Auflagen nachgedruckt wurden. Hinzu kamen in jeweils drei Bänden "Gesammelte Jugendschriften" und "Humoristische Erzählungen", die teils bis 1904 in der 17. Auflage gedruckt wurden. Dietrich Theden gab von 1889 bis 1891 eine bearbeitete 24-bändige Reihe mit "Ausgewählten Werken" heraus, zwischen 1903 und 1910 erschienen noch einmal 45 Bände "Reiseromane und Erzählungen". Außer diesen wurden in wechselnden Verlagen gedruckt: 1903 eine 7-bändige, 1912 eine 10-bändige, 1916 eine 16-bändige, 1921 eine 12-bändige, 1924 eine 12-bändige, 1936-39 eine 18-bändige und 1939 erneut eine 10-bändige Ausgabe mit ausgewählten Werken.
[...] Auch nach dem letzten Krieg hat es immer wieder mehrbändige Sammelausgaben gegeben, etwa bei Pawlak, Neues Leben oder im Union-Verlag. Gerstäcker repräsentiert damit den für seine Generation einmaligen Fall eines deutschen Schriftstellers, der mit den wichtigsten Teilen seines Werkes während eines Zeitraums von mehr als einhundert Jahren auf dem Buchmarkt präsent war. Mit Gerstäckers Erfolg kann sich in unserem Sprachraum, wenn man die wesentlich jüngerenAutoren Karl May und Ludwig Ganghofer einmal beiseite lässt, kein Autor jener Zeit messen. Auch Gerstäckers Präsenz in den Leihbibliotheken seiner Zeit spiegelt diese fast beispiellose Beliebtheit. Statistische Auswertungen zahlreicher Leihbibliothekskataloge haben nachgewiesen, dass Gerstäcker zwischen 1860 und 1914 in den meisten Groß- wie Kleinstädten fast stets zu den zehn bis fünfzehn beliebtesten Autoren überhaupt eählte. Die Leihbibliothek Rockenstein in Wien beispielsweise hatte (im Jahr 1870) 116 Bände Gerstäckers im Angebot, Schulze in Oldenburg (1875) 133 Bände, Zeiser in Nürnberg 84 Bände, Hengstmann in Braunschweig - wo Gerstäcker am Ende seines Lebens gewohnt hatte - (1886) sogar 185 Bände; noch im Jahr 1900 stellte die Leihbibliothek Nordmeyer in Hannover 122 Bände Gerstäcker für ihre Kunden bereit.
{...]
Trotzdem wird man Gerstäckers Namen in gängigen Literaturgeschichten oder Spezialabhandlungen im Zusammenhang mit der Entstehung des erzählerischen Realismus bis heute kaum finden. Diese historische Vernachlässigung hängt weniger mit seiner nicht in jedem einzelnen Fall überzeugenden literarischen Qualität als vor allem mit der Genreschublade zusammen, in die der Autor bis heute gesteckt wird. Denn von den erwähnten Autoren unterscheidet sich Gerstäcker durch eine besondere Abenteuerlichkeit seiner Geschichten und die Exotik der meisten seiner Schauplätze. Wenn man seinen Namen heute überhaupt noch kennt, dann wohl am ehesten als Autor der beiden Romane "Die Regulatoren von Arkansas" (1846) und "Die Flusspiraten des Mississippi" (1848), die immer noch von Taschenbuchverlagen angeboten werden (der letztgenannte wurde 1963 von Jürgen Roland verfilmt). Im Kleeblatt der bekanntesten deutschen Abenteuerschriftsteller des 19. Jahrhunderts jedoch, in dem Möllhausen die romantische und Karl May die phantastische Variante vertritt, bildet Gerstäcker mit Sicherheit die realistische Fraktion. Für Karl May jedenfalls war Gerstäckers Werk eine bevorzugte Quelle, um sich mit dem nötigen realistischen Unterfutter für seine phantastischen Imaginationen zu versorgen. [...]
Gerstäcker galt seiner Zeit zudem als der Reisende schlechthin: Immer wieder wurde er als der "Weitgereiste" oder gar der "Ruhelose" bezeichnet. Aus vielen Dutzenden von Artikeln über ihn, die ihm Lauf der Jahrzehnte in der Presse erschienen, lässt sich noch heute die eigenartige Mischung aus offener Faszination und verhaltener Skepsis herauslesen, mit der das meist bürgerliche Publikum diesem Mann begegnete. Denn einerseits verkörperte er in seinen Schriften, wie kaum ein anderer, das bürgerlichnorddeutsche Tätigkeitsideal - "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott"; andererseits schien er so manche andere Bürgertugend, wie etwa Stetigkeit, Zurückhaltung, Häuslichkeit oder Familiensinn, mit seinem Lebenswandel geradezu auf den Kopf zu stellen. Gerade diese lebensweltliche Ambivalenz, das gerade auch moralisch merkwürdig Schillernde dieses Autors, dürfte sein Publikum angezogen haben. Das viktorianische Zeitalter bewies in ganz Europa eine offene Vorliebe fürs geographisch Exotische und Entlegene und eine ebenso starke, jedoch meist uneingestandene Neigung auch zum Verstoß, zum Bruch unausgesprochener Tabus. Anders als etwa der ebenfalls weit gereiste Balduin Möllhausen, der nach seiner Heirat das unstete Leben aufgab und in seinen Romanen dann die Ideale des Familienlebens verherrlichte, für die jene Zeit der Ungebundenheit nur noch als melancholische Erinnerung von Bedeutung ist, ließ sich Gerstäcker auch durch zwei Ehen und fünf Kinder nicht davon abhalten, seinen einmal erworbenen Ruf als Weltreisender weiter zu pflegen. Auch deshalb ist in der rückschauenden Betrachtung oft nur sehr schwer auseinander zu halten, was bei Gerstäcker Selbststilisierung und was mediale Zuschreibung, was "reales" Faktum und was Täuschung war, was Wunschdenken und was Wirklichkeit. In gewisser Weise war der Reisende Gerstäcker auch eine Kreation der Öffentlichkeit und er selbst ein Medienphänomen; nicht zuletzt durch seine regelmäßigen Wortmeldungen zu (auswanderungs-)politischen oder publizistischen Tagesfragen oder seine Satiren auf teutsches Philistertum förderte er geschickt das öffentliche Bild von sich selbst als kenntnisreichem Kosmopoliten, dessen Horizont die Welt und nicht der Kirchturm von Krähwinkel ist. ...

Andreas Graf:
Die Arbeiter des Meeres. Über Gerstäckers Seegeschichten. Nachwort zu: Friedrich Gerstäcker: Der Walfischfänger und andere Seegeschichten. Hrsg. v. Andreas Graf.- Husum: Hansa-Verlag. 2000.

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