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Charles Sealsfield = Karl Postl

* 1793 Poppitz bei Znaim / Mähren
+ 1864 Solothurn /Schweiz


Sein ganzes Leben lang hat Charles Sealsfield seine Herkunft geheimgehalten. Auch in seinem Nachlass fanden sich keinerlei Hinweise.
Sein Leben ist nur mühsam und unvollständig rekonstruiert worden, viele Fragen sind offen geblieben, viele Einzelheiten unbekannt.
Der einzige Hinweis, der zur Klärung seiner Identitität führte, war, daß er die Familie Postl aus Poppitz in seinem Testament als Erben benannte.

Er wurde als Karl Postl am 3.März 1793 in Poppitz bei Znaim in Mähren geboren. Seine Familie war katholisch geprägt, eine mährische Wein- und Obstbauernfamilie (zehn Geschwister). Er besuchte zunächst das Gymnasium in Znaim. Da er Geistlicher werden sollte, absolvierte Karl Postl 1808-1815 als Zögling des Böhmischen Kreuzherren-Ordens das philosophische und theologischen Pflichtstudium an der Universität Prag. 1813 wurde er Novize und 1816 erhielt er die Priesterweihe.

Durch seinen Lehrer Bolzano und den Großmeister des Ordens Köhler war er mit dem Gedankengut der Aufklärung vertraut gemacht geworden. Er war mit seiner Stellung als Ordenssekretär unzufrieden und litt unter der nach den `Karlsbader Beschlüssen' einstzenden Überwachung und Zensur, der auch sein früherer Lehrer Bolzano, der seines Amtes enthoben wurde, zum Opfer fiel. Nachdem er sich mit Köhler überworfen hatte, reiste er ohne Erlaubnis des Ordens nach Wien, wo ihm die Stelle als Hofkaplan in Aussicht gestellt worden war. Die Stelle war aber nicht frei und er wollte aus Angst vor Strafe nicht in den Orden zurückkehren. Er entschloß sich, Österreich zu verlassen.
Die vermutlich von Freimaurern des böhmischen Adels unterstützte Flucht führte ihn 1823 über Deutschland und die Schweiz nach New Orleans. Die dortigen Freimaurer halfen ihm weiter und ermöglichten es ihm, als Handelsreisender tätig zu werden. In Kittanning, in der Nähe von Pittsburgh, ließ er sich nieder. Aus ungeklärter Quelle verfügte er bald über genügend finanzielle Mittel, um ausgedehnte Reisen durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen. In Louisiana kaufte er eine Plantage. Im Sommer 1824 war er zurück in Kittanning. 1825 brach er erneut auf in den Süden. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in Louisiana erhielt er einen amerikanischen Paß auf den Namen "Charles Sealsfield". 1826 reiste er nach Europa, wie vermutet wird, in politischem Auftrag der Freimaurer. Dies alles ist weitgehend unklar, der Erfolg, auch seiner späteren politischen Aktivitäten, wenn überhaupt vorhanden, war sicher äußerst gering. In Stuttgart verhandelte er mit dem Verleger Cotta, dort erschien dann 1827 unter dem Verfassernamen C. Sidons das zweibändige Werk "Die Vereinigten Staaten von Nordamerika, nach ihren politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnissen betrachtet."
Er lebte nun 7 Monate in London und verkaufte die von ihm angefertigte englische Übersetzung seines Amerika-Buchs an Londoner Verlage. Dann brachte er seinen Ärger über die Habsburger-Monarchie und die Metternich-Regierung in dem polemischen Werk "Austria as it is", das 1828 anonym in London erschien, zu Papier.
Nachdem er wieder nach Amerika zurückgekehrt war, verfaßte er, von Cooper und Irving beeinflußt, in Kittanning seinen ersten Roman "Tokeah, or the White Rose, an Indian Tale", der 1829 in Philadelphia erschien.

Über die Aktivitäten von Charles Sealsfield in den Jahren 1828/29 ist nur wenig bekannt, ob er in Mexiko war, ist unklar.
1830 und 1831 hielt er sich in London und Paris auf, vermutlich im Auftrag der Bonapartisten. 1832 ging er in die Schweiz, wo er bis 1853, unterbrochen von einer kurzen Amerikareise im Jahr 1837, blieb. In dieser Zeit erschien bei Orrel, Füssli und Cie und dann bei Schultheß ein Großteil seines Werks. Die letzten veröffentlichten Bände von Charles Sealsfield, "Süden und Norden" ließen sich in der Schweiz schon nicht mehr verkaufen und so erschienen sie ab 1842 in Stuttgart bei Metzler. Hier kamen auch ab 1845 zwei Gesamtausgaben heraus, die erstmals nicht anonym erschienen, sondern Charles Sealsfield als Verfasser auswiesen.
Seine letzte Arbeit, "Osten und Westen", wurde von Metzler abgelehnt. Da er sich auch um seine finanzielle Situation sorgte, machte er sich 1853 zum vierten Mal nach Amerika auf den Weg, um seinen amerikanischen Besitz zu ordnen. 1858 kam Charles Sealsfield zurück in die Schweiz, kaufte bei Solothurn ein Haus (Unter den Tannen) als Alterssitz. Er stellte "Osten und Westen" fertig, fand aber keinen Verleger mehr.
Verbittert lebte er, immer mehr von einem Unterleibs-Krebsleiden in Mitleidenschaft gezogen, nur mit einer Haushälterin zusammen, in seinem Haus als Einsiedler. Seine Manuskripte verbrannte er. Das einzige Foto von Charles Sealsfield wurde in dem Jahr vor seinem Tod aufgenommen. Am 26. Mai 1864 starb "der große Unbekannte".

... Als genuin deutschsprachiger, auch englisch publizierender Reiseschriftsteller vertrat der österreichische Emigrant ausdrücklich das »Prinzip der Aufklärung« und des »geistigen Fortschritts« (Vorwort zu »Morton«). Mit seinen »geschichtlichen Romanen« wollte S. erklärtermaßen zur humanen Bildung seines Zeitalters beitragen. Politisch vertrat er die Idee der Republik. Seine ebenso exotischen wie abenteuerlichen Nordamerika-Romane stellen der restaurativen Alten Welt die progressive Neue Welt indirekt gegenüber. Während sein erstes (Amerika-)Buch (1827) einen Lobpreis der republikanischen Entwicklung der USA und namentlich des demokratischen Präsidenten General Andrew Jackson darstellte, war seine polemische Schrift »Austria as it is« 1828 gleichbedeutend mit der ersten umfassenden Kritik der Habsburger-Monarchie und des Metternich-Regimes überhaupt. In seinem erfolgreichsten und heute bekanntesten Werk, dem Novellenzyklus »Das Kajütenbuch oder Nationale Charakteristiken« (1841), setzt sich S. mit dem texanischen Unabhängigkeitskampf und dem Aufbau einer republikanischen Ordnung auseinander. Mehr als seine zeitgenössischen Vorbilder und Vorläufer Chateaubriand und Cooper projizierte S. nicht nur romantische Ideallandschaften, sondern beschrieb auch gesellschaftliche Zustände und Milieus sowie als soziale und ethnische Konflikte - insofern steht er dem historischen Roman Scotts nahe. Er befriedigte damit ein europäisches Informationsbedürfnis über die amerikanischen Verhältnisse (seine Werke wurden im deutschsprachigen Raum bei Cotta, Metzler und Schultheß verlegt). S.s Weltanschauung wurde anfangs vom aufgeklärt-oppositionellen Reformkatholizismus in Böhmen geprägt. Später stand S. auch unter dem Einfluß bonapartistischer Kreise. Sein Lieblingsheld war zwar erklärtermaßen »das ganze Volk«, doch so manche Helden seiner Erzählungen tragen auch patriarchalische Züge und verkörpern eine `von oben' ausgehende Evolution staatsbürgerlichen Denkens und Handelns. Sein agrarisch geprägtes republikanisches Gesellschaftsideal richtet sich sowohl gegen den Kolonialismus des industriellen Nordostens als auch gegen primitive Lebensformen der Ureinwohner. Während S. somit zwar einerseits als Beispiel für Kapitalismus-Kritik und Rousseauismus im 19. Jh. gilt, ist andererseits evident, daß er das Sklavenproblem im Rahmen eines im konservativen Sinne harmonisierten Südstaatenbildes beschönigte. Sein somit nicht widerspruchsfreies Bild von Amerika als neuzeitlichem »Land der Freiheit« wird daher vor allem als Gegenbild zur desillusionierenden Realität des europäischen Vormärz betrachtet, wenngleich S. auch im binnenamerikanischen Kontext der Emigrantenliteratur sowie der Südstaatenepik zu sehen ist. Höhepunkt und Ende seines Ruhms erlebte S. jedoch im Vorfeld der Revolution von 1848, als insbesondere die Jungdeutschen in seinen ebenso landeskundlich-realistischen wie biedermeierlich-idyllisierten Übersee-Schilderungen eine gesellschaftliche Utopie verkündigt sahen. S.s Novellistik zeugt von einem poetischen Realismus, der nicht nur »faktische« (S.), sondern auch impressionistische und phantastische Züge trägt. Die religiös überhöhte Aura seiner Helden sowie die heilsgeschichtliche Dimension seines säkularen Fortschrittsoptimismus sind von biblischen, mythologischen und mariologischen Vorstellungen geprägt. Im Christentum sah S. »etwas Göttliches«. Der literarische, politische und theologische Horizont seines Werks reicht dabei von Miltons »Paradise lost« bis zur Staatslehre Bolzanos. ...

Michael Kohlhäufl: Charles Sealsfield
In:
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Verlag Traugott Bautz, Band XIX (2001)

... Die sehr günstige Aufnahme seiner Werke brachte den Verfasser endlich zum Entschlusse, seinen Lieblingsgedanken auszuführen, die Vereinigten Staaten nämlich im nationalen oder höheren Volksromane darzustellen. Statt dass wie früher im familiengeschichtlichen, Schelmen- oder wie er sonst heissen möge - Roman - der Held des Romans die Hauptperson war, um den sich die anderen Persönlichkeiten herumreihten, ist hier der Held - wenn wir so sagen dürfen - das ganze Volk; sein soziales, sein öffentliches, sein Privatleben, seine materiellen, politischen religiösen Beziehungen treten an die Stelle der Abenteuer, seine Vergangenheit, seine Zukunft werden als historische Gewänder benutzt, Liebesscenen und Abenteuer nur gelegentlich als Folie, um zu beleben, herauszuheben, angewandt. Es ist in diesem Romangenre, dem er die Benennung des nationalen oder höheren Volksromanes (zum Unterschied zum sog. Volksroman) geben zu sollen glaubt, dem Romane die breiteste Unterlage gegeben, durch die derselbe zunächst der Geschichte sich anzunehmen, eine wichtige Seitenquelle derselben zu werden, berufen sein dürfte. Wohl ist begreiflicherweise vieles da zu thun, und er ist weit davon entfernt zu glauben, dass er bereits das Vollkommene geliefert, allein er hält sich berechtigt, sich für den Gründer dieses neuen und, wie er nicht bezweifelt, tonangebend werdenden Gliedes der Romanfamilie erklären zu dürfen, da er seines Wissens der erste war, der diese breite geschichtliche, nationale und soziale Basis zu Grunde legte. ...

Brief von Sealsfield an Brockhaus vom 21.Juni 1854
In:
Albert B. Faust:
Charles Sealsfield (Carl Postl) Der Dichter beider Hemisphären. Sein Leben und seine Werke.- Weimar: Verlag von Emil Felber. 1897.

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